KI-gestützte Produktempfehlungen, dynamische Preise, Chatbots, Betrugsfrüherkennung – was gestern noch Wettbewerbsvorteil war, steht heute unter strenger Beobachtung. Seit dem 1. August 2024 gilt der EU AI Act. Ab 2. Februar 2025 greifen die ersten Verbotstatbestände, ab August 2026 folgen schrittweise die Pflichten für Hochrisiko-Systeme.
Das bedeutet konkret:
Die gute Nachricht: Compliance ist kein Innovationskiller. Sie schafft Vertrauen – bei Kunden, Partnern und Behörden. Wer jetzt handelt, sichert sich ab und nutzt Rechtskonformität als Qualitätsmerkmal im Wettbewerb.
Warum das wichtig für dich ist: Du kannst nicht warten, bis die Aufsichtsbehörden klopfen. Die Uhr tickt. Jetzt ist der Moment, Klarheit zu schaffen und Handlungsfähigkeit zu beweisen.
Du kannst nicht compliant sein, wenn du nicht weißt, was eigentlich gilt. Die nachfolgenden zwei Regularien bilden das Fundament deiner KI-Compliance.
Der EU AI Act wurde im Mai 2024 vom EU-Parlament verabschiedet und trat am 1. August 2024 in Kraft. Er klassifiziert KI-Systeme nach vier Risikoklassen – und je höher das Risiko, desto strenger die Anforderungen.
Die vier Risikoklassen im Überblick:
Verboten ab Februar 2025 (z. B. Social Scoring, Echtzeitüberwachung im öffentlichen Raum)
Strenge Auflagen ab August 2026 (z. B. Bonitätsprüfungen, KI zur Kreditvergabe, automatisierte Bewerberauswahl)
Transparenzpflicht ab August 2025 (z. B. Chatbots, KI-generierter Content)
Keine speziellen Vorgaben (z. B. Spamfilter, einfache Empfehlungssysteme)
Für E-Commerce relevant: Die meisten KI-Anwendungen im Handel fallen in die Kategorien „begrenztes" oder „minimales" Risiko. Doch sobald Algorithmen Kreditwürdigkeit beeinflussen, Zugang zu Dienstleistungen steuern oder automatisierte Entscheidungen mit Rechtswirkung treffen, greift die Hochrisiko-Kategorie.
Wichtig: Auch als Betreiber von Online-Shops (nicht nur als Entwickler), die KI-Tools einsetzen bist du verantwortlich – selbst wenn du Software von Drittanbietern einsetzt.
KI-Systeme verarbeiten Daten. Oft personenbezogene. Oft in großem Umfang. Die DSGVO (seit Mai 2018 in Kraft) setzt hier klare Grenzen – und die Aufsichtsbehörden schauen genauer hin.
Zentrale DSGVO-Anforderungen bei KI:
Einwilligung, berechtigtes Interesse oder Vertragserfüllung – jede KI-gestützte Verarbeitung braucht eine valide Rechtsgrundlage.
Nutzer müssen verstehen, dass und wie KI ihre Daten verarbeitet. Das bedeutet: klare Datenschutzerklärungen, verständliche Hinweise im Checkout oder bei Chatbots.
Artikel 22 DSGVO regelt automatisierte Entscheidungen mit Rechtswirkung (z. B. Kreditablehnung, Kontosperrung). Hier gilt: Entweder Einwilligung einholen oder menschliche Überprüfung ermöglichen.
KI-Modelle trainieren oft mit großen Datensätzen. Doch auch hier gilt: So wenig wie möglich, so lange wie nötig.
Kunden haben das Recht zu erfahren, welche Daten ein KI-System nutzt – und diese löschen zu lassen, sofern keine gesetzliche Aufbewahrungspflicht besteht.
Ein Beispiel: Ein Chatbot im Kundenservice muss erkennbar als KI gekennzeichnet sein. Nutzer müssen wissen, dass sie mit einer Maschine sprechen – und jederzeit an einen Menschen weitergeleitet werden können.
Warum das wichtig für dich ist: EU AI Act und DSGVO greifen ineinander. Du kannst nicht das eine ohne das andere umsetzen. Beide Regularien schaffen den rechtlichen Rahmen, in dem du KI einsetzen darfst – und beide haben Zähne.
Nicht jede KI in deinem Shop birgt das gleiche Risiko. Die entscheidende Frage lautet: Welche KI-Systeme nutzt du bereits – und wo liegt dein rechtliches Risiko?
Typische E-Commerce-KI-Systeme und ihre Einstufung:
| Anwendung | Risikoklasse | Compliance-Anforderung |
|---|---|---|
| Produktempfehlungen (kollaboratives Filtern) | Minimal | Keine speziellen AI-Act-Anforderungen, aber DSGVO-Transparenz erforderlich |
| Chatbots (Kundenservice) | Begrenzt | Kennzeichnungspflicht ab August 2025: Nutzer müssen wissen, dass sie mit KI sprechen |
| Dynamische Preisgestaltung | Minimal bis begrenzt | Fairness beachten, keine Diskriminierung, DSGVO-Rechtsgrundlage klären |
| Betrugsfrüherkennung | Begrenzt | Datenschutzprüfung zwingend, da sensible Verhaltensdaten verarbeitet werden |
| Bonitätsprüfung / Zahlungsfreigabe | Hoch | Vollständige Konformitätsbewertung ab August 2026, menschliche Überprüfung bei Ablehnung |
| Automatisierte Zugangssperren (z. B. Account-Sperrung) | Hoch | Rechtswirkung für Nutzer: Dokumentation, Transparenz, Begründungspflicht ab August 2026 |
Ab August 2025 musst du transparent machen, dass Nutzer mit KI sprechen. Ein einfacher Hinweis wie „Dieser Chat wird von einer KI unterstützt" reicht – aber er muss da sein.
Keine AI-Act-Sonderpflichten, aber die DSGVO bleibt relevant: Rechtsgrundlage klären, Transparenz in der Datenschutzerklärung sicherstellen, Auskunftsrechte gewährleisten.
Du bewegst dich im Hochrisiko-Bereich. Ab August 2026 brauchst du vollständige Dokumentation, Risikoanalysen und musst sicherstellen, dass Nutzer bei ablehnenden Entscheidungen eine menschliche Überprüfung verlangen können.
Warum das wichtig für dich ist: Du kannst nur handeln, wenn du weißt, wo du stehst. Diese Einordnung ist dein erster Schritt zur Compliance – und sie zeigt dir, wo Handlungsbedarf besteht.
Jetzt weißt du, welche Systeme du nutzt und welche Risiken sie bergen. Aber was bedeutet das in der Praxis? Was musst du konkret umsetzen, um compliant zu sein? Compliance ruht auf drei Säulen – und jede davon ist unverzichtbar.
Was bedeutet das? Deine Kunden und Nutzer müssen verstehen, dass und wie KI in deinem Shop arbeitet. Transparenz ist kein Nice-to-have – sie ist gesetzliche Pflicht.
Konkrete Maßnahmen:
Was bedeutet das? Du musst nachweisen können, dass deine KI-Systeme rechtskonform sind. Das funktioniert nur mit systematischer Dokumentation.
Konkrete Maßnahmen:
Was bedeutet das? Rechtliche Verantwortung lässt sich nicht delegieren. Du musst intern klären, wer für KI-Compliance zuständig ist – und sicherstellen, dass diese Person handlungsfähig ist.
Konkrete Maßnahmen:
Warum das wichtig für dich ist:
Diese drei Säulen sind keine bürokratischen Hürden. Sie sind dein Schutzschild gegen rechtliche Risiken – und sie zeigen Kunden, Partnern und Behörden, dass du verantwortungsvoll handelst.
Du musst nicht alles auf einmal machen. Aber du solltest wissen, wo du anfängst. Dieser Fahrplan gibt dir die Struktur, die du brauchst – ohne Überforderung, mit klaren Zeitfenstern.
Nein, der EU AI Act gilt unabhängig von der Unternehmensgröße. Es gibt keine Bagatellgrenzen oder KMU-Ausnahmen. Entscheidend ist die Risikoklasse der eingesetzten KI-Systeme, nicht die Größe deines Unternehmens. Die EU-Kommission plant zwar Unterstützungsmaßnahmen für kleinere Unternehmen, aber die rechtlichen Anforderungen sind für alle gleich.
Du trägst als Betreiber Mitverantwortung – auch wenn der Anbieter seinen Sitz außerhalb der EU hat. Bei Verstößen können auch gegen dich Bußgelder verhängt werden. Prüfe vor Vertragsabschluss: Ist der Anbieter compliant? Dokumentiere deine Sorgfaltsprüfung, das zeigt Behörden deinen verantwortungsvollen Umgang.
Nein. Auch Open-Source-KI unterliegt dem EU AI Act, sobald du sie kommerziell einsetzt. Der AI Act unterscheidet nicht nach Lizenzform, sondern nach Risiko und Zweck. Bei Hochrisiko-Anwendungen musst du die gleichen Anforderungen erfüllen wie bei kommerzieller Software. Der Nachteil: Es gibt oft keinen Anbieter, der Haftung übernimmt – die Verantwortung liegt vollständig bei dir.
Bestandssysteme sind nicht von neuen Regeln ausgenommen. Hochrisiko-Systeme müssen bis August 2026 compliant sein, Systeme mit begrenztem Risiko bis August 2025. Prüfe jetzt: Welche Altsysteme fallen unter den AI Act und welche Anpassungen sind nötig? Je früher du dich kümmerst, desto weniger Zeitdruck hast du.
Was ist mit KI-Systemen, die ich nur intern nutze – etwa zur Warenwirtschaft oder Personalplanung? Auch interne KI-Systeme können unter den AI Act fallen, wenn sie Hochrisiko-Anwendungen betreffen. Beispiel: KI zur Personalauswahl oder Leistungsbewertung fällt ab August 2026 unter den AI Act. Reine Backend-Prozesse ohne Auswirkung auf Personen fallen meist in die Kategorie „minimales Risiko". DSGVO-Anforderungen bleiben jedoch bestehen, sobald personenbezogene Daten verarbeitet werden.
Teilweise. Erste Cyber-Versicherungen decken auch KI-Haftungsrisiken ab – allerdings mit hohen Prämien und Ausschlussklauseln. Eine Versicherung ersetzt nicht die Pflicht zur Compliance und schützt nicht vor behördlichen Bußgeldern. Prüfe genau, welche Risiken abgedeckt sind – viele Policen schließen grob fahrlässige Verstöße aus.
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