Traut euch, Mädels!
von Verena Minke, Mona Wagner and Marieke Dörschner
, am 14. Dezember 2020

Frauenmangel? – Offensichtlich! Das ist im Bereich der IT ein Muster, das sich in der Bevölkerung fest verankert hat. Männlich, nerdy und Einzelgänger – das ist das Stereotyp, das das Berufsbild des Entwicklers prägt. Der Anteil der Frauen in der IT-Branche ist nach wie vor nur sehr gering. Deutschland liegt mit nur 16,6% auf Platz 20 von 41 ausgewerteten OECD- und EU-Ländern. Am besten aufgestellt ist Bulgarien mit einem Anteil von ca. 30%. Fakt ist, dass sich in Entwicklungs- und Schwellenländern mehr Frauen für IT-Berufe entscheiden als in den moderneren Ländern, in denen die Gleichstellung von Mann und Frau weiter fortgeschritten ist.  

Der gesamte IT-Bereich in der Arbeitswelt sowie im Studium hat sich fast zur reinen Männerdomäne gewandelt. Im Studiengang Informatik an deutschen Universitäten sind die Männer weitaus in der Überzahl. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in anderen Technik-Fächern und -Berufen.

Doch warum ist das so? Warum sind Zahlen, Code und technische Implementierungen im Allgemeinen eher männliche Themen, die auch von Männern bearbeitet werden? Es gibt viele kluge Menschen, die sich hierzu Gedanken gemacht haben, Studien zu weiblicher emotionaler Intelligenz und männlicher Rationalität. Aber sollen wir uns mit dieser Antwort zufriedengeben? Sind es nicht vielmehr wir als Gesellschaft, die diese Stereotype geschaffen und auch lange befeuert haben?

Es fängt schon in jungen Jahren an

Warum sich zu wenige Frauen für Informatik und IT entscheiden, ist mit Sicherheit auf die Erziehung und Schulbildung zurückzuführen. So können beispielsweise veraltete Rollenbilder und fehlende Frühförderung an Schulen dafür verantwortlich gemacht werden. Mädchen werden immer noch früh auf soziale Themen mit Bezug zu Kommunikation oder zum Umgang mit Menschen geprägt und schrecken oftmals vor einem Studium im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zurück. Eine Situation, die wir uns auf Dauer nicht leisten können – muss doch unsere Gesellschaft die vor ihr liegenden Herausforderungen der Digitalisierung stemmen. Da sind Frauen und Männer gemeinsam gefordert.

Die Entwicklerin und Gründerin der Non-Profit Organisation „Women and Code“, Barbara Ondrisek, geht davon aus, dass es reiner Zufall ist, dass wir heute in unseren Köpfen diese stereotype Zuordnung verankert haben. Aus ihrer Sicht hätte es auch genauso gut andersherum sein können. Denn es sind vor allem Marketingkonzepte, welche für diese Verteilung gesorgt haben. So war Werbung von Computerspielen in den 80er Jahren mit Bildern von Jungen und nicht von Mädchen begleitet und diese Bilder haben sich gesellschaftlich durchgesetzt. Mit ihrer Initiative „Women and Code“ will Ondrisek diese Dominanz aufbrechen und richtet sich mit ihrem Programmierkursangebot speziell an Frauen, und das sehr erfolgreich! 

Was viele nicht wissen: früher war alles ganz anders

Heute undenkbar, was früher als Normalität galt. In den 40er und 50er Jahren waren ProgrammiererInnen größtenteils weiblich, sie arbeiteten unter anderem für das Militär. Der erste voll funktionsfähige Computer, ENIAC, wurde zum Beispiel von sechs Frauen, genauer gesagt von sechs Mathematikerinnen, programmiert. 

Eine weitere Computerpionierin war Grace Hopper, die auch heute noch als Vorbild für viele Frauen in der IT gilt. Aber bereits viele Jahre zuvor hat noch eine andere Frau Informatik-Geschichte geschrieben: Ada Lovelace. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hat die Mathematikerin umfangreiche Notizen zu einer von einem Freund entwickelten Maschine veröffentlicht, die unter anderem auch einen von ihr entwickelten Algorithmus enthielten. Durch diese Veröffentlichung wird sie von einigen als erste Programmiererin der Welt angesehen. Auf jeden Fall gilt sie als Pionierin der modernen Informatik. Leider war sie ihrer Zeit weit voraus und erlangte erst lange nach ihrem Tod Berühmtheit.

Doch trotz dieser Vorbilder wurde in den 60er Jahren plötzlich ein Stereotyp eines Entwicklers festgelegt, das im Prinzip nur noch Männer berücksichtigte. Frauen erkannte man die nötigen intellektuellen Fähigkeiten für den Beruf ab, obwohl sie bereits in den Jahrzehnten zuvor erfolgreich als Programmiererinnen arbeiteten. Der Markt vollzog diesen Wandel mit und die Einstellung von weiblichen Entwicklerinnen ging stark zurück.

Wie sieht es in der heutigen Zeit mit Vorbildern aus?

Damit die IT- und E-Commerce-Branche wieder mehr Anklang bei Frauen findet, gibt es heute einige Projekte, die sich speziell dafür einsetzen, dass wieder mehr Frauen in IT-Berufen ausgebildet und eingestellt werden. Hier eine kleine Auswahl:

Ada-Lovelace-Projekt

Ganz nach dem berühmten Vorbild sollen beim Ada-Lovelace-Projekt Mädchen und junge Frauen für eine Karriere im MINT-Bereich begeistert werden. Der Schwerpunkt liegt hier auf Praxiserfahrung – vom Experimentieren über Basteln bis hin zum Programmieren. Und das soll mit viel Spaß und ohne Druck vermittelt werden.

Women and Code

Women and Code ist eine Wiener Initiative, die kostenlose Programmierkurse für Frauen anbietet. Angeboten werden z.B. Programmiersprachen wie JavaScript, HTML/CSS und Python in zweiwöchentlichen Kursen, aber auch Intensivworkshops und Hackathons.

Moinworld

Moinworld setzt sich dafür ein, dass wieder mehr Frauen in der IT Fuß fassen, Vorbilder sichtbar gemacht und Vorurteile abgebaut werden. Dies wird erreicht durch Programmierkurse, Events und Networking.

Code Excursion

Code Excursion wurde von zwei Exkolleginnen, eine aus Schweden, eine aus der Schweiz, gegründet und steht für die neue, weibliche IT-Generation. Sie starteten zunächst mit einer Facebook-Gruppe und als sie merkten wie groß die Nachfrage ist, gründeten sie ihr Business. Ziel ist es, mehr Frauen fürs Programmieren zu begeistern.

Der Zulauf bei all diesen Projekten ist riesig und zeigt, dass sich sehr viele Frauen für einen Beruf im MINT-Bereich bzw. auch speziell als Entwicklerin interessieren und aktiv dazu beitragen möchten, dass das große Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen abgebaut wird. Aus unserer Sicht braucht es mehr dieser Vorbilder, um das Berufsfeld und die Branche attraktiv für Frauen zu machen.

Berufsbilder im E-Commerce

Besonders der Onlinehandel floriert, noch einmal mehr in Zeiten der Kontakteinschränkungen wie unter der aktuellen Corona-Pandemie. Innovation, neueste technische Lösungen und Trends sind hier gefragt und werden auch zukünftig weiter bestehen. Neben dem Entwicklerinnenjob gibt es natürlich auch noch viele weitere Berufsfelder im E-Commerce-Umfeld wie z.B. Software-Architektin, IT-Projektmanagerin, Team-Managerin, Produktmanagerin oder E-Commerce-Leiterin.

Besonders die Gründerszene boomt im E-Commerce und auch hier gibt es einige weibliche Erfolgsgeschichten, ein paar Beispiele sind:

Lea Sophie Cramer

Im Jahr 2013 gründete Lea Sophie Cramer zusammen mit Sebastian Pollok den Online-Erotik-Shop Amorelie. Da man in diesem Bereich stark eingeschränkt ist was klassische Werbung betrifft, erkannten die beiden schnell, dass sie mittels PR zur Bekanntheit ihres Unternehmens beitragen können. Und da es sich mit einer Frau offenbar einfacher über Sexualität sprechen ließ, trat Sebastian Pollok in den Hintergrund und Lea Sophie Cramer wurde zum Gesicht von Amorelie. Mittlerweile hat sie sich bei Amorelie zurückgezogen und neue Wege eingeschlagen, sie unterstützt weiterhin die junge GründerInnen-Szene.

Bereits vier Jahre nach der Gründung erzielte Amorelie einen Umsatz von 56 Millionen Euro und 12 Millionen Gewinn. Das Unternehmen beschäftigt über 140 Mitarbeiter und ist in 15 Märkten aktiv.

Verena Pausder

Verena Pausder setzt sich für chancengleichen Zugang zu digitaler Bildung bei Kindern ein. Sie ist eines der bekanntesten Gesichter der Gründerszene. Während der Corona-Zeit hat sie die Seite homeschooling-corona.com ins Netz gestellt und initiierte den größten Bildungs-Hackathon des Landes. Ihr Buch „Das Neue Land“, das sich mit der Weiterentwicklung des Landes in Bezug auf neue Technologien, Lebensentwürfe und neue Ideen beschäftigt, zählt als Beststeller im Unternehmerbereich.

Auch unter den Programmiererinnen gibt es viele weibliche Vorbilder, wir wollen hier mal zwei Beispiele nennen:

Corina Schedler & Louise Serenhov (Code Excursion)

Corina Schedler und Louise Serenhov arbeiteten zusammen in einem Startup in Schweden und nachdem der Entwickler ihres Projekts abgesprungen ist, brachten sie sich selbst erste Grundkenntnisse im Programmieren bei, um die Website des Startups weiter betreuen zu können. Um dieses Wissen, das mit der Zeit immer mehr wurde, an andere Frauen weiterzugeben, gründeten sie Code Excursion und auch als Corina Schedler wieder in die Schweiz zurückging, hat sie dort mit einem Ableger weitergemacht.

Anja Schumann (moinworld)

Anja Schumann ist die Gründerin von moinworld. Vor der gemeinnützigen Organisation gründete sie das Women Techmakers Meetup in Hamburg, das heute Teil von moinworld ist. Die Idee ein „hands on coding classes Meetup“ mit der Zielgruppe Frauen zu organisieren, hat Anja Schumann aus Tel Aviv mitgebracht. Sie interessierte sich persönlich für das Thema und fühlte sich in den meisten anderen Tech Meetups als eine der wenigen Frauen nicht besonders wohl. moinworld ist ihre Lösung, um die Kluft zwischen den Geschlechtern in der IT zu schließen.

Fazit

Wir sind überzeugt davon, dass wir uns in 2021 nicht mehr mit stereotypen Rollenbildern beschäftigen sollten, sondern offen und divers weiterdenken müssen. Frauen wie Männer können für Berufe im IT-Bereich geeignet sein und je vielfältiger und diverser Arbeitsumgebungen und Teams sind, desto besser für den Erfolg und den Outcome. Also, traut euch Mädels!

Ada Lovelace Projekt: https://ada-lovelace.de/

Moinworld: https://moinworld.de/

Women And Code: https://womenandcode.org/

Code Excursion: https://codeexcursion.ch/

Stern-Artikel zum Thema Quotenfrauen: https://www.stern.de/politik/quotenfrauen/

Junge Erfinderin ist Kind des Jahres: https://www.google.de/amp/s/kinder.wdr.de/radio/kiraka/nachrichten/klicker/kid-of-the-year-100.amp