Scrum Master? Das ist doch der Projektmanager!
von Marc Bosserhoff
, am 2. Juli 2020

Die Erwartungshaltung

Pfeifend und top motiviert machte ich mich damals auf den Weg zu meiner ersten Stelle als Scrum Master. Doch schon nach den ersten Stunden im neuen Job und sechs Outlook-Einladungen mit Titeln wie „PMO Austausch“, „PL Update“ und „Budgetplanung und Ressourcenplanung“ war mir klar, dass hier unterschiedliche Erwartungen aufeinanderprallen. Verständlich, dass diese Beziehung nicht lange gehalten hat…

Drei Jahre später, einige Erfahrungen reicher und bei piazza blu, die das Konzept des agilen Arbeitens aktiv anwenden und verstehen, kann ich mir Zeit nehmen, um darüber zu schreiben, wie meine Kollegin und ich gemeinsam die Rolle der Scrum Master ausfüllen und verstehen. Vor allem, was den Unterschied zum Projektmanager ausmacht.

Die Rolle des Scrum Masters

In der Rolle als Dienstleister ist der Rollenkonflikt ein ständiger Begleiter im Alltag. Denn viele Kunden sind es gewohnt, einen Ansprechpartner_in auf Agenturseite zu haben und mit allen Belangen auf sie oder ihn zugehen zu können. Als Scrum Master stehen wir zu Beginn von Kundenbeziehungen oft in der ersten Reihe und werden direkt mit dieser Rolle als erster Kontaktpunkt gleichgesetzt. Daher nehmen wir uns zu Beginn unserer Projekte immer Zeit, um gemeinsam mit den Kunden über Rollen und Aufgaben eines Scrum Masters zu sprechen. Oftmals ergeben sich daraus spannende Diskussionen und Ideen, die zum Nachdenken anregen und auf Kundenseite den Wunsch nach einer klar definierten Rolle des Product Owners hervorbringen (aber das ist noch ein weiteres Thema).

Abgrenzung zum Projektmanager

Wie begreifen wir also unsere Rolle in Abgrenzung zum Projektmanager? In erster Linie sind wir Fürsprecher für das gesamte Team und das schließt den Product Owner, Business Analysten oder auch Projektmanager auf Kundenseite ein. Das heißt, für uns steht das Miteinander im Vordergrund und an erster Stelle. Darauf aufbauend sorgen wir dafür, dass das Team eigenverantwortlich an die Aufgaben herangeht und die Arbeit selbstständig organisiert. Hier ist einer der entscheidenden Unterschiede zum Projektmanager: wir delegieren keine Aufgaben mit direkten Anweisungen, sondern ermächtigen durch Werkzeuge wie Planning, Refinement und Co. das Team, die richtigen Entscheidungen zu treffen und selbstständig zu überlegen, wer diese Aufgabe am besten übernehmen kann. Darüber hinaus mischen wir uns nicht in fachliche Diskussionen ein. Wir supporten das Team während solcher Gespräche methodisch, moderieren und unterstützen durch gezielte Fragen, doch wir fällen keine technischen Entscheidungen oder geben Umsetzungen vor.

Die verschiedenen Bereiche eines Scrum Masters

Ein Projektmanager füllt im Gegensatz zum Scrum Master eine klare Rolle im Sinne von Planung, Controlling und Steuerung aus, wohingegen wir als Scrum Master verschiedene Bereiche abdecken: wir sind Coach (siehe auch unser Blogbeitrag „Der Scrum Master als Coach“), Lehrer, Change Agent, Mentor, Servant Leader und ja, wenn die Rolle oder der Kontext es erfordert, auch Manager. Insbesondere diese Vielseitigkeit der Rolle und Perspektiven, die wir einnehmen, macht eine Unterscheidung von außen betrachtet schwierig. Es liegt aber in der Hand jedes einzelnen Scrum Masters, wie er/sie die Rolle interpretiert und vor allem was das Team benötigt.

Wo liegt der Fokus bei piazza blu?

Wir legen einen starken Fokus auf die unterstützende Rolle als Coach und Mentor, um den Teams zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen und ihnen selbst den Lernerfolg zu ermöglichen, damit sie das nächste Mal Probleme und Herausforderungen selbstständig lösen. Mehr Master Yoda als Bob der Baumeister! Wichtig ist immer der Perspektivwechsel, eine klare Kommunikation und eindeutige Zielsetzungen.

Fazit

Ist jeder Scrum Master selbst dafür verantwortlich die Rolle so auszugestalten wie er/sie sich in der Rolle sieht oder die Organisation es benötigt, so liegt es auch in der Hand der/des Einzelnen, sich der eigenen inneren Haltung bewusst zu werden. Die Reflektion über das eigene Tun prägt maßgeblich die Wahrnehmung der Rolle im Team: micromanage ich, wird mich das Team niemals als Coach wahrnehmen, sondern immer nur einen Projektmanager in mir sehen.

Weiterführende Lesetipps:

“Scrum Mastery: From Good To Great Servant-Leadership“ von Geoff Watts
https://medium.com/the-liberators/the-8-stances-of-a-scrum-master-brazilian-portuguese-edition-bb30c2d49e42
https://www.scrum.org/resources/8-stances-scrum-master